Warum können wir uns oft nicht entscheiden? Weil der Kopf anders will als der Bauch. In diesem Zwiespalt gewinnt meist der Kopf, denn anders als dem Verstand fehlen der Intuition oft die Argumente. Da ist nur dieses Gefühl, das sich nicht erklären lässt … Doch so viel wir im Westen auch auf unseren Verstand geben – er ist keineswegs immer so rational wie er scheint. Und auch die Domäne des Verstandes – die Wissenschaft – hat inzwischen gut erforscht, dass bei den meisten komplexen Entscheidungen der Bauch dem Kopf überlegen ist. Was es damit auf sich hat und wie dir deine Intuition bei Entscheidungen helfen kann, das erfährst du in diesem Artikel.

Wir wurden dazu konditioniert unserer Intuition zu misstrauen

Eigentlich könnte es doch so einfach sein: Entweder wir wollen etwas oder wir wollen es nicht. Punkt. Und tatsächlich ist es auch so, dass wir die Antwort auf die meisten Entscheidungsfragen bereits kennen – und sei es nur unbewusst. 

Doch im Laufe unserer Erziehung wurden wir dazu konditioniert, unserem intuitiven Wissen zu misstrauen und stattdessen dem Verstand die Entscheidungsgewalt zu überlassen. Mit fatalen Folgen: Wir erkennen die Sprache unserer Intuition nicht mehr und stecken häufig in einem emotional-mentalen Konflikt.

So gibt es unzählige – nicht selten vollkommen widersprüchliche – Ratgeber dafür, was wir wann essen, wie und wann wir schlafen und wie wir uns bewegen sollten. Dabei müssten wir nur auf unseren Körper hören, um zu wissen was gut für uns ist. 

Müdigkeit ist ein Zeichen dafür, dass wir zu wenig schlafen und eine Pause brauchen, Hunger ein Zeichen, dass wir Energie benötigen und Unruhe ein Zeichen für Bewegungsdrang. 

Doch wir wissen diese Zeichen nicht mehr zu deuten, unterdrücken sie und verlassen uns stattdessen auf äußere „Experten“, die wissenschaftlich begründen können, warum etwas gut für uns ist.

Unser Körper kennt die Antwort

Doch unser Körper kennt nicht nur die Antworten, die ihn direkt betreffen. Auch auf Lebensfragen weiß er Rat. Unbelastet von Konditionierungen gibt er uns eindeutige Zeichen dafür, was wir wollen – wenn wir bereit sind, ihm zuzuhören.

Das kannst du ganz einfach selbst ausprobieren, z. B. indem du bei einer Entscheidung eine Münze wirfst. Frage dich dabei, worauf du hoffst, auf welche Seite sie fällt, während sie in der Luft ist. Ist der Groschen – im doppelten Sinne – gefallen? Wie fühlst du dich dabei? Enttäuscht? Erfreut? Erleichtert? 

Es kommt also nicht darauf an, wie die Münze fällt, sondern wie du dich dabei fühlst. Wichtig dabei ist deine unmittelbare, erste Reaktion – bevor der Verstand sich mit Pro- und Kontra-Argumenten einmischt.

Eine andere sehr hilfreiche Übung, die auf die Weisheit des somatischen Systems zurückgreift und die ich in meiner Coaching-Praxis gerne zur Entscheidungsfindung einsetze, ist die Aufstellung der Wahl-Alternativen.

Das geht ganz einfach, indem du dir je nach Anzahl der Entscheidungs-Alternativen 2 oder mehr Stühle nimmst und jeden Stuhl mit einer der Alternativen „belegst“. Stuhl 1 steht dann z. B. für Alternative 1, Stuhl 2 für Alternative 2 usw. 

Setz dich dann auf den Stuhl, der dich als erstes „anzieht“. Schließe die Augen und stell dir vor, dass du dich für diese Alternative entschieden hast – es gibt kein Zurück mehr. Wie fühlt sich das Ergebnis an? Wie fühlt es sich an, wenn du diese Wahl ganz und gar lebst? Was fühlst und denkst du? 

Mache dir nach jeden Stuhl Notizen und gehe dann zum nächsten über. Du wirst überrascht sein, wie klar dein Körper mit dir kommuniziert. Du musst seiner Weisheit nur vertrauen!

Entscheidungsfreude ist eine Frage des Selbstvertrauens

Doch das fällt uns nicht immer leicht. Wenn wir klar im Kopf sind und uns gut fühlen, dann ist das meist kein Problem. Wir wissen, was wir wollen oder aber wir wissen, dass es nicht so wichtig ist. 

Wenn wir uns jedoch nicht ganz auf der Höhe fühlen und uns ausmalen, was unsere Entscheidung alles für negative Folgen haben könnte, dann haben wir ein Problem mit der Entscheidung

Insofern ist unsere Entscheidungsfreude auch eine Frage des Selbstvertrauens: Wie sehr vertraue ich mir, dass ich mit den Folgen umgehen kann? Und wie sehr bin ich im Reinen mit mir?

Was, wenn wir keinen Fehler machen könnten?

Letztendlich gibt es auch gar keine Fehler. Oder wie Bestseller-Autor und Transformations-Coach Michael Neill es ausdrückt: Wofür wir uns entscheiden hat niemals so große Auswirkungen auf unser Leben wie unser Umgang mit den Konsequenzen unserer Entscheidung.

Mit jemandem zusammen zu ziehen und dann festzustellen, dass es ein Fehler war, ist nicht schlimm. Schlimm ist es, mit dieser Person weiterhin zusammen zu leben und sich jahrelang schlecht dabei zu fühlen.

Für einen Job in eine andere Stadt gezogen zu sein, könnte sich als Irrtum heraus stellen. Nicht wieder zurück zu kommen und sich dauerhaft einsam zu fühlen, ist vermutlich ein schwerer Fehler.

Wir können fast jede Entscheidung korrigieren, wenn wir bereit sind, uns „Fehler“ zuzugestehen. 

Ich habe beispielsweise vor knapp 10 Jahren einen für meine damaligen Verhältnisse recht hohen Kredit aufgenommen, um meinen Traum vom Psychologie-Studium doch noch zu verwirklichen. Leider stellte ich fest, dass das Studium an der Fernuniversität, an der ich mich eingeschrieben hatte, nicht nur nahezu zu 80 % aus Statistik bestand, sondern auch noch vollkommen verschult war. 

Ich bin eine intuitive, unspezifische Lernerin, d. h. ich absorbiere schnell viel Wissen, kann es aber schlecht exakt so wiedergeben, wie ich es aufgenommen habe. Bei Multiple Choice-Tests schneide ich daher viel schlechter ab, als wenn ich mein Wissen in Essays wiedergeben kann. 

Obwohl ich meine berufliche Laufbahn für das Studium gewendet und noch dazu extra einen Kredit aufgenommen hatte, habe ich das Studium nach einem Jahr beendet. 

Geschadet hat es mir allerdings keineswegs, denn aus meiner neuen studentischen Hilfstätigkeit entwickelte sich schnell eine neue berufliche Laufbahn als freiberufliche Online-Marketing Managerin. Und mit dieser konnte ich nicht nur den Kredit sehr schnell zurück zahlen, sondern auch meine diversen Coaching-Ausbildungen finanzieren.

Hatte ich ein Jahr „verloren“? Vielleicht. Ich sehe es jedoch eher so, dass ich eine neue Laufbahn gewonnen habe. Und das Wissen, dass ich es nicht mein Leben lang bereuen werde, nicht Psychologie studiert zu haben. 🙂

Warum unser Bauch oft schlauer ist als unser Kopf

Warum jedoch ist unsere Intuition vor allem bei Lebensentscheidungen dem Verstand überlegen? Weil unser bewusster Verstand im Gegensatz zu unserem Unterbewusstsein nur mit einer sehr geringen Informationsmenge fertig wird. 

Laut dem dänischen Wissenschaftsautor Tor Nørretranders treffen über unsere Sinne jede Sekunde 11 Millionen Bits in unser Gehirn. Davon kann unser bewusster Verstand max. 50 Bits pro Sekunde verarbeiten – unser Unterbewusstsein dagegen deutlich mehr.

Der Vorteil unseres Verstandes liegt in seiner Präzision. Er kann zwar nur eine kleine Datenmenge verarbeiten, diese aber mit hoher Detailgenauigkeit. Unser Bewusstsein ist wie ein Laser, der sein Licht auf einen winzigen Punkt bündeln und dadurch große Kraft ausbilden kann. Allerdings bleibt dabei der überwiegende Teil des großen Ganzen im Dunkeln. 

Der große Fehler, der unser Verstand macht, ist zu glauben, dass es nur das gibt, was unserem Verstand bewusst ist (sich in seinem Laserfokus befindet). Unser Unterbewusstsein „sieht“ dagegen viel, viel mehr – allerdings nicht in der Detailtiefe wie unser Verstand. 

Für Fragen wie „Wie viel ist 365×802?“ ist unser Verstand das ideale Werkzeug. Wenn es jedoch darum geht, welcher Job uns glücklich macht oder ob wir nach Neuseeland ziehen sollen, ist unser Verstand überfordert. Diese Fragen sind zu komplex und benötigen deutlich mehr Datenvolumen, als er bearbeiten könnte – auch wenn er noch so viele Argumente hervorbringt.

Intuition braucht keine Begründung

Tatsächlich nimmt die Anzahl der Begründungen, die dein Verstand dafür hat, etwas zu tun, proportional zu, je weniger du es tatsächlich tun willst. Wenn du etwas willst, dann willst du es einfach. Punkt.

So haben Studien gezeigt, dass Menschen, die einfach losgehen und ein Auto kaufen, das ihnen gefällt, ein halbes Jahr danach deutlich glücklicher sind mit ihrem Kauf als Menschen, die vorher genau recherchiert haben, welches Auto sie kaufen wollen und warum. Impulskäufe sind also keineswegs so schlecht wie ihr Ruf!

Unser bewusster Verstand ist allerdings eng an Sprache geknüpft und springt daher vor allem auf verbalisierte Argumente an. Das geht so weit, dass unser Verstand oftmals im Nachhinein „logische“ Erklärungen für unser oftmals irrationales Verhalten liefert. 

Auf dieser Basis arbeitet auch die Werbung. So kaufen sich abenteuerlustige Städter einen SUV, weil sie alle 2 Jahre mal nach Österreich in die Berge fahren und es da schon „praktisch“ ist, so einen Wagen zu haben.

Logische Argumente sind also bei der Entscheidungsfindung weder die Glücklichmacher noch immer so rational, wie es scheint. Die einzige wichtige Frage bei der Entscheidungsfindung ist dagegen: Willst du es?

Wie sich unser Verstand von unserer Intuition unterscheidet

Doch unser Verstand ist hartnäckig. Er gaukelt uns vor, dass nur er die richtige/beste/cleverste Entscheidung treffen kann. Und vor allem, dass wir die richtige/beste/cleverste Entscheidung treffen SOLLTEN.

Das Problem dabei ist, dass wir 

  1. nicht wissen können, was die richtige Entscheidung ist, bis wir sie getroffen haben und wir es 
  2. hassen, gesagt zu bekommen, was wir tun SOLLTEN – selbst wenn wir es uns selbst sagen. 

Hinweise darauf, dass du nicht auf Basis eines echten Wollens sondern auf Basis eines SOLLTE aus dem Verstand heraus agierst, sind Formulierungen wie:

  • Ich sollte/sollte nicht
  • Ich muss/darf nicht
  • Man sollte/sollte nicht
  • Es ist sinnvoll …
  • Es ist das richtige/beste/cleverste …

Eine fantastische Entscheidung?

Manchmal klingen Dinge auch ganz fantastisch, in Wirklichkeit sind sie aber gar nicht so erstrebenswert bzw. würden wir sie gar nicht mehr so toll finden, wenn wir sie tatsächlich umsetzen. 

So könnte eine Reise an den Nordpol nach einem wundervollen Abenteuer klingen, bei dem du ganz auf dich zurückgeworfen bist, umgeben von der Schönheit des ewigen Eises und nur begleitet von treuen Schlittenhunden … 

Wenn du dir jedoch die monatelange Vorbereitung, die hohen Kosten, die Gefahr von Erfrierungen oder verloren zu gehen bewusst machst, dann könnte das Ganze doch nicht mehr so erstrebenswert sein.

Um herauszufinden, ob es sich bei deiner Idee um einen echten Wunsch oder nur eine Fantasie handelt, überlege dir, was alles damit zusammen hängt. Wenn du diese Dinge abschrecken oder absolut nicht tun willst, dann weißt du, dass es nur eine Fantasie ist.

Oder ist alles nur eine Laune?

Eine Laune ist im Gegensatz zu einem ehrlichen Wunsch eine momentane Lust, die meistens durch einen externen Stimulus oder interne, emotionale Stimmungslage ausgelöst wird. Launen können uns durchaus Hinweise darauf geben, was wir wollen, allerdings sind sie häufig instabil. 

Michael Neill empfiehlt mit Launen folgendermaßen umzugehen:

  1. Wenn deine Laune etwas positives, lebenserweiterndes und leicht umzusetzen ist, tu es einfach so schnell wie möglich. Wenn du es heraus schiebst, wird es dir wahrscheinlich nicht mehr so viel Freude machen.
  2. Wenn die Umsetzung deiner Laune mehr Zeit und Energie benötigt, warte mind. 3 Tage, besser noch 1 Woche. Wenn du sie dann immer noch umsetzen willst: Tu es!
  3. Wenn deine Laune etwas negatives ist, destruktiv oder bedrohlich für dich selbst oder andere, lass es bleiben. Deine innere Führung ist stets sanft und positiv. Und selbst, wenn deine innere Führung nach einer großen Lebensveränderung verlangt, findet sie eine freundlichere Art der Umsetzung.

Wahre Wünsche

Im Gegensatz zu Launen, Fantasien und Forderungen unseres Verstandes kommen echte Wünsche aus unserem Herzen und leiten uns den Weg zu unserer Bestimmung. Sie führen uns zu Erfüllung, Freude und Liebe. 

Sie unterscheiden sich von Ego-Verlangen dadurch, dass wir nicht glauben, erst wenn wir sie erfüllen, könnten wir glücklich sein, sondern dass sie uns glücklich machen, während wir ihnen nachgehen.

Warum wir unserer Intuition nicht vertrauen

Doch wenn wir hören, dass wir uns nur noch für das entscheiden sollten, was wir wollen, geht unser Verstand sofort auf die Barrikaden. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder nur noch tut, was er will? Dann würde doch niemand mehr arbeiten, eine Steuererklärung abgeben oder den Müll rausbringen!

Tatsächlich liegt dem jedoch ein Denkfehler zu Grunde. Denn es geht NICHT darum, nur noch zu tun, wonach wir uns FÜHLEN, sondern mehr das zu tun, was wir tun WOLLEN. 

Sicherlich willst du dich auch dann um deine Kinder kümmern, selbst wenn du dich heute nicht danach fühlst, sie zum Sportunterricht zu fahren. Wahrscheinlich willst du ein Instagram Live aufnehmen, auch wenn du Angst davor hast. 

Allerdings kann es auch sein, dass – wenn du dir die Frage ehrlich stellst – du erkennst, dass Social Media wirklich nicht dein Ding ist und du es nur tust, weil „man“ es machen SOLLTE, wenn man selbstständig ist oder sich selbstständig machen will. In diesem Fall lässt du es besser. Die Frage auf die es ankommt ist nicht „Fühle ich mich danach?“ sondern „Will ich es?“.

Wenn wir tun, was wir wollen, bekommen wir Energie

Um besser zu verstehen, was damit gemeint ist, frage dich 1 Woche lang bei allem, was du tust: Will ich das tun? Wichtig dabei: Es geht nicht darum, ob du in der Stimmung dafür bist, sondern ob du es tun willst – und nicht dein Verstand.

Du wirst schnell feststellen, immer, wenn du tust, was du willst bzw. lässt, was du nicht willst, bekommst du mehr Energie. Du fühlst dich inspiriert und hast mehr Freude und Leichtigkeit. Es dauert eine Weile bis wir wieder in Kontakt kommen mit unserer Intuition, doch es lohnt sich ungemein.

Unsere Emotionen sind unser inneres Leitsystem. Ebenso wie Schmerzen uns anzeigen, dass wir unsere Hand nicht auf eine heiße Herdplatte legen sollten, zeigen uns emotionale Schmerzen an, dass wir etwas tun oder denken, das nicht im Einklang ist mit unserer inneren Führung. 

Ebenso zeigt ein tiefer Wunsch an, dass es das richtige ist, wenn wir ihm folgen. Es ist Zeit, dass wir unserer Intuition wieder mehr vertrauen!