Kaum jemand hört gerne Kritik. Dabei kann sie durchaus hilfreich sein auf unserem Weg zum persönlichen Wachstum. Denn wenn wir funktional mit ihr umgehen, dann kann sie uns wichtige Hinweise geben, was wir besser machen können und wo wir Lernpotential haben. Selbst ungerechtfertigte Kritik bietet die Möglichkeit, mehr über unser Gegenüber zu erfahren und ihm ggf. sogar näher zu kommen. Dazu dürfen wir die Kritik jedoch nicht persönlich nehmen. Was sonst noch wichtig ist, beim Umgang mit Kritik und wie du besser auf sie reagierst, erfährst du in diesem Beitrag.

Nimm’s nicht persönlich!

Der wichtigste Grundsatz beim Umgang mit Kritik ist: Nimm’ es nicht persönlich! Das ist auch gleichzeitig das 2. Versprechen, das Don Miguel Ruiz in seinem großartigen Buch „Die vier Versprechen – ein Weg zu Freiheit und Würde“ beschreibt: 

„Die persönliche Wichtigkeit, oder Dinge persönlich zu nehmen ist der höchste Ausdruck von Egoismus, da wir von der Annahme ausgehen, dass sich alles „um uns“ dreht. {…}

Selbst wenn eine Situation besonders persönlich erscheint, selbst wenn andere Sie direkt beleidigen, hat das nichts mit Ihnen zu tun. Was die Betreffenden sagen, was sie tun und die Meinungen, die sie von sich geben, entsprechen ausschließlich den Vereinbarungen, die sie im Laufe ihrer Domestizierung erhalten haben.“

Anders ausgedrückt: Das, was jemand anderes über dich sagt, ist nie DIE Wahrheit, sondern immer nur ein Ausdruck der individuellen Meinungen, Überzeugungen und Interpretationen der betreffenden Person. Oder: Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter aus als über Paul.

Das gilt natürlich auch umgekehrt: Auch das, was du über eine andere Person sagst und denkst, ist immer nur ein Ausdruck deiner persönlichen Meinungen, Überzeugungen und Schlussfolgerungen und keinesfalls an sich wahr.

Der erste Schritt im Umgang mit Kritik ist also, dass jegliche Form von Kritik – wie persönlich auch immer sie formuliert sein mag – niemals eine wahre Aussage über deine Person ist. 

Kritik ist niemals eine wahre Aussage über dich und deinen Wert

Mit dieser Einstellung kannst du sogar dann ruhig bleiben, wenn dich jemand persönlich beleidigt, denn dein Selbstwertgefühl kann davon nicht getroffen werden. Du weißt, dass diese Person lediglich etwas sagt, das im System ihrer inneren Interpretationen vielleicht zutreffen mag, jedoch keine wahre Aussage über dich und deinen Wert ist.

Oft nehmen wir Kritik jedoch sogar dann persönlich, wenn sie gar nicht gegen uns als Person formuliert ist. Daher ist es so wichtig genau hinzuhören. Was hat die Person wirklich gesagt? Hat sie gesagt: „Die Präsentation, die du gehalten hast, war schlecht!“ oder hat sie gesagt: „Du bist schlecht!“?

Hör genau zu, was der Kritiker sagt

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Person ersteres gesagt hat, du jedoch zweiteres „gehört“ hast. Mit dieser Art von Verhalten verletzen wir uns unnötig selbst. Wir selbst sind es, die sich in diesem Moment als Person abwerten – nicht unser Gegenüber! Wir sind die Täter gegenüber unserem Selbstwert!

Wenn wir also anfangen, wirklich hinzuhören, was der andere sagt, statt uns in unseren eigenen Interpretationen des Gesagten zu ergehen, und wir uns gleichzeitig darüber bewusst bleiben, dass das Gesagte niemals die Wahrheit an sich ist, bleiben wir in unserem Selbstwertgefühl unberührt und offen gegenüber der Situation.

Im Übrigen ist auch die Aussage „Die Präsentation war schlecht!“ nicht die Wahrheit – Egal, wie sehr du innerlich zustimmen magst. Wenn du die Aussage nicht persönlich nimmst, könntest du jedoch gemeinsam mit dem Kritiker untersuchen, was genau an der Präsentation ihr beide als „schlecht“ bewertet (bzw. interpretiert), wo es vielleicht unterschiedliche Ansprüche oder Erwartungen gibt und was du beim nächsten Mal besser machen kannst.

Aber lass uns zunächst noch einmal einen Schritt zurück gehen und die drei gängigsten – und selbstwertschwächenden – Reaktionsweisen auf Kritik untersuchen.

Selbstwertschwächende Reaktionsweisen auf Kritik

1. Die aggressive Reaktionsweise auf Kritik

Weit verbreitet ist der Automatismus auf Kritik gleich mit Gegenangriffen zu reagieren – frei nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“. Und nicht umsonst klingt das ganze nach Kampf, den die Folge dieser Reaktionsweise ist Krieg. Im Verlauf „des Gefechts“ werden zumeist immer härtere Waffen aufgefahren, solange bis einer aufgibt. Der andere kann sich vermeintlich als Sieger fühlen, im Grunde sind jedoch beide Verlieren, denn was nach einem Krieg immer übrig bleibt, sind Feinde. 

Selbst wenn dein Gegenangriff auf eine Kritik wie „Du hast schon wieder das Geschirr nach dem Essen stehen lassen.“ „nur“ lautet: „Und du hast den Müll noch nicht runter gebracht!“ und keine unmittelbaren weiteren Angriffe folgen, findet der Kampf in deinem Inneren ebenso wie im Inneren der anderen Person weiter statt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er erneut auch im Außen ausbricht.

2. Die passive Reaktionsweise auf Kritik

Wer passiv auf Kritik reagiert, stimmt jeglicher Form von Kritik entweder reflexhaft zu ohne, diese zu prüfen oder schweigt als Form der – scheinbaren – Zustimmung. 

Durch diese Form der Reaktion entsteht kein offener Krieg denn die kritisierte Person ergibt sich ohne Widerstand. Im Inneren des Kritisierten jedoch tobt meist ein Kampf darum, wie Rache geübt werden könnte (und sei es „nur“ durch innere Abwertung der anderen Person) und Selbstabwertung für die Unfähigkeit, angemessen auf die Kritik zu reagieren.

3. Die passiv-aggressive Reaktionsweise auf Kritik

Die vielleicht dysfunktionalste Form auf Kritik zu reagieren, vereint die aggressive und die passive Strategie und potentiert diese noch. Dabei reagiert der Kritisierte zunächst passiv: Er entschuldigt sich und verspricht, sein Verhalten zu ändern. Statt sein Versprechen einzulösen, rächt sich der Kritisierte jedoch, in dem er – bewusst oder unbewusst – versteckt aggressiv handelt. Etwa, in dem er weiter so handelt wie bisher oder andere Wege findet, um es dem Kritiker scheinbar aus einem Missverständnis heraus, heimzuzahlen.

Beispielsweise könnte eine Frau ihren Mann kritisieren, weil er nie die Wäsche macht. Der Mann verspricht, sich das nächste Mal um die Wäsche zu kümmern, mischt aber Bunt- und Weißwäsche, sodass die weiße Lieblingsbluse der Frau hoffnungslos verfärbt. Als die Frau darauf wütend reagiert, entschuldigt der Mann sich erneut. Und fügt hinzu, dass – wenn es ihr so wichtig ist – sie besser selber die Wäsche macht.

Dem passiv-aggressiv Handelnden ist bei seinen Handlungen bzw. Unterlassungen oft nicht wirklich bewusst, dass er aggressiv handelt. Im Gegenteil: Menschen, die diesen Reaktionsstil wählen, haben häufig eine tiefe Abneigung gegen Aggressivität, sodass sie ihre aggressiven Tendenzen unbedingt vor sich selbst verstecken müssen. 

Genau diese Tatsache macht es jedoch auch so schwierig, eine neue Reaktionsweise zu wählen, obwohl dieser Reaktionsstil gleich doppelt schädlich für das eigene Selbstwertgefühl ist. Erstens geben sie dem Kritisierten uneingeschränkt in ihrem vermeintlichen Mangel Recht und zweitens lehnen sie sich selbst ab, den auch wenn die Racheakte aus dem Bewusstsein verdrängt werden, so sind sich passiv-aggressiv Handelnde dennoch unbewusst klar über ihr Verhalten.

Reflexionsfrage: Welche Reaktionsweise auf Kritik ist deine „favorisierte“? Gibt es vielleicht Unterschiede im Kontext? Zum Beispiel beruflich und privat?

Jetzt kennen wir die dysfunktionalen Reaktionsweisen auf Kritik. Wie aber gehst du besser mit Kritik um, als aggressiv, passiv oder gar passiv-aggressiv?

Funktionale Reaktionsweise auf Kritik: Der assertive Reaktionsstil

Besser, d. h. funktional im Hinblick auf dein Selbstwertgefühl und die Beziehung zu deinem Gegenüber, gehst du mit Kritik um, indem du den Kritiker entwaffnest. Dafür ist es wichtig, dass du die Kritik zunächst genau verstehst.

1. Kritik Untersuchen

Die wenigsten Menschen beschäftigen sich bewusst mit dem Thema „Kritik geben und nehmen“, d. h. die meiste Kritik, der wir ausgesetzt sind, ist vage, übertrieben, vorwurfsvoll und/oder ungenau. Sprich: Nicht konstruktiv. Das ist jedoch keine Ausrede, um dysfunktional auf sie zu reagieren. 

Indem du die Technik des Untersuchens anwendest, kannst du gemeinsam mit dem Kritiker seine Absicht herausarbeiten, um anschließend einen funktionalen Weg zu finden, auf die Kritik zu reagieren.

Beispielfragen zur Untersuchung von ungenauer Kritik können sein:

  • Was genau habe ich gemacht, was dich enttäuscht hat?
  • Kannst du mir ein Beispiel für meine Schlampigkeit nennen?
  • Was würdest du wollen, das ich stattdessen tue? Warum?

Beispiel:

  • Kritiker: Du bist so ein Langweiler!
  • Reaktion: Was meinst du damit? Was an mir ist langweilig?
  • Kritiker: Nie machst du etwas mit mir!
  • Reaktion: Was hättest du denn gerne, das ich mit dir mache?
  • Kritiker: Ist mir eigentlich egal, hauptsache wir machen etwas gemeinsam!
  • Reaktion: Und warum willst du etwas mit mir machen? Wir sind doch viel zusammen.
  • Kritiker: Na, weil ich dich mag. Ich möchte mich dir nahe fühlen, gemeinsam etwas mit dir erleben und darüber reden. Nicht nur stumm nebeneinander vor dem Fernseher hängen! 

Durch die Technik des Untersuchens finden sich häufig bereits wie von selbst Lösungsansätze. 

Wenn du die konkrete Kritik herausgearbeitet hast, kannst du entscheiden, ob du ihr (teilweise) zustimmen willst oder den Kritiker dadurch entwaffnest, indem du ihm zumindest hinsichtlich der Möglichkeit der Berechtigung seiner Kritik zustimmst.

2. Kritik (teilweise) anerkennen

Kritik anzuerkennen heißt ganz einfach, dem Kritiker zuzustimmen. Damit sagst du deinem gegenüber: „Stimmt, ich habe die gleichen Werte, Überzeugungen und Interpretationen wie du.“

Dies ist selbstverständlich nur angebracht, wenn du der Kritik tatsächlich – zumindest teilweise – zustimmst. Wenn du Kritik anerkennst, gehst du am besten folgendermaßen vor:

  1. Du stimmst dem Kritiker zu, indem du sagst: „Du hast Recht.“
  2. Du fasst kurz zusammen, in welchen Punkten du der Kritik zustimmst.
  3. Du dankst dem Kritiker ggf. für sein Feedback
  4. Du kannst noch eine Erklärung hinzufügen, falls dies angemessen ist

Hier zwei Beispiele, wie du Kritik anerkennen kannst

Beispiel 1:

  • Kritik: Deine Rede war zu lang. Viele im Publikum wurden gegen Ende unruhig, einige sind sogar früher gegangen.
  • Reaktion: Du hast Recht, das habe ich auch bemerkt. Ich denke, ich kürze den Mittelteil und das Ende. Danke für den Hinweis!

Beispiel 2: 

  • Kritik: Nie gehst du mit dem Hund raus, immer muss ich das machen!
  • Reaktion: Stimmt, in den letzten zwei Wochen bin ich nur Sonntags mit dem Hund raus, weil ich immer bis spät gearbeitet habe. Kann ich dir vielleicht etwas abnehmen, sobald das aktuelle Projekt abgeschlossen ist?

In diesem Beispiel erkennt der Kritisierte die Kritik an, stellt aber gleichzeitig richtig, was an der Kritik übertrieben ist. Zudem liefert er eine Erklärung und bietet einen Lösungsvorschlag an.

3. Hinsichtlich der Möglichkeit zustimmen

Was aber, wenn du der Kritik nicht einmal teilweise zustimmst bzw. nichts an deinem Verhalten ändern willst? Dann kannst du zumindest hinsichtlich der Möglichkeit, dass das Kritisierte zutrifft, zustimmen. 

Hier ein paar Beispiele:

Beispiel 1:

  • Kritik: Wenn du immer so lange schläfst, bekommst du nie einen Job!
  • Reaktion: Es kann schon sein, dass es schwer ist, als Langschläfer eine geeignete Stelle zu finden.

Beispiel 2:

  • Kritik: Du solltest weniger Kaffee trinken, das ist schlecht für’s Herz!
  • Reaktion: Ja, vielleicht ist Kaffee nicht gut für’s Herz.

Beispiel 3:

  • Kritik: Du kannst doch keine Anschreiben mit Word designen! Dafür nutzt man InDesign oder Canva!
  • Reaktion: Ja, wahrscheinlich sind diese Tools besser für die Gestaltung von Anschreiben geeignet.

Bei diesen Beispielen stimmst du prinzipiell der Möglichkeit zu, dass der Kritiker Recht hat, untergräbst aber auch nicht dein Selbstwertgefühl, indem du zustimmst, etwas falsch gemacht zu haben. 

Greif jedoch nicht zu früh zu dieser Technik! Oft ist es sinnvoller, zunächst die Technik des Untersuchens zu nutzen, um an die wahre Absicht des Kritikers zu kommen. Denn diese Technik entwaffnet den Kritiker zwar, sorgt im Gegensatz zur Technik des Untersuchens nicht für Verbindung.

Reflexionsfrage: Erinnere dich an die letzte Kritik, der du ausgesetzt warst. Wie genau lautete sie? Welche Reaktionsweise würdest du jetzt wählen?

Das könnten deine nächsten Schritte zu mehr Selbstbewusstsein und einem besseren Umgang mit Kritik sein

Ein starkes Selbstbewusstsein und gutes Selbstwertgefühl sind die Voraussetzung, um souverän und konstruktiv mit Kritik umzugehen. Zur Stärkung deines Selbstbewusstseins habe ich eine Hypnose aufgenommen, die du regelmäßig anwenden kannst.  Die kostenlose Hypnose für mehr Selbstbewusstsein und Selbstliebe erhältst du hier

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